Der Jüdische Friedhof

Kurze Geschichte des Friedhofs
Um 1600
Das Gelände auf dem Laudenbacher Schlossberg wird von verschiedenen Gemeinden aufgekauft und als jüdischer Friedhof genutzt. Bei der Judenerhebung 1623 wird erstmals ein jüdischer Totengräber erwähnt. (3)
1655   Für die Laudenbacher jüdische Gemeinde wird ein Verwalter (Gabbai) erwähnt, der in der Regel Verwaltungsaufgaben für den Friedhof, die Synagoge und Mikwe übernimmt (1) (2).
1873/74   Die große Mauer um den Friedhof wird errichtet.
1930   Erweiterung des Friedhofsgeländes auf seine heutige Größe.
Größe: über 1.6 Hektar
Zahl der Gräber: ca. 3500
Zahl der sichtbaren Grabsteine: 2326
Frühere Besitzer des Friedhofes: Die jüdischen Gemeinden in Adelsberg, Hessdorf, Lohr, Urspringen, Gössenheim, Veitshöchheim und Laudenbach

Friedhof HP1

Foto: Gerd Brander

In gebührender Entfernung vom Dorf auf dem Rücken des Laudenbacher Schlossberges befindet sich am Waldrand einer der größten jüdischen Friedhöfe Bayerns. Die Juden nennen ihn Beth Olamin, das Haus der Ewigkeit oder der „Gute Ort“. Oft wird er auch als Beth ha Chajim, das „Haus der Lebenden“ oder „Haus des ewigen Lebens“ bezeichnet. Ein Friedhof als Haus des ewigen Lebens?  Das Fleckchen Erde, in dem der Verstorbene ruht, gehört ihm für alle Ewigkeit. Anders als in der christlichen Tradition werden im Judentum die Verstorbenen niemals umgebettet. Nichts darf auf einem jüdischen „Guten Ort“ die Totenruhe stören. Deswegen sehen jüdische Friedhöfe für christliche Augen oftmals etwas verwahrlost aus, weil man in den Lauf der Dinge kaum eingreift. Wenn ein alter Stein schräg steht, dann lässt man ihn, wenn eine Inschrift verwittert, wird sie in der Regel nicht erneuert. Es werden keine Blumen auf die Gräber gepflanzt, auch den üblichen Grabschmuck sucht man vergebens. Auf einer schlichten Wiese liegen die Verstorbenen dicht neben einander und die Gräber gehen langsam wieder in den Naturzustand über. Als Zeichen der Ehrerbietung für die Toten hinterlassen Besucher einen kleinen Stein.

Den jüdischen Friedhof in Laudenbach gibt es spätestens seit 1600, wahrscheinlich wurde das Gelände schon früher als Begräbnisplatz genutzt. Bereits 1623 wird ein jüdischer Totengräber erwähnt. Er hat eine Frau und drei Kinder und ernährt sich „hautiglich mit der Kötzen und schlechter wahren“ (3). Spätestens im Jahr 1655 gibt es in Laudenbach auch einen Verwalter für Synagoge, Mikwe und Friedhof (1), (2).

Eigentümer des Friedhofes waren die jüdischen Kultusgemeinden Adelsberg, Hessdorf, Lohr, Urspringen, Gössenheim, Veitshöchheim und Laudenbach. Die große Steinmauer wurde 1873/74 errichtet (4). Im Jahr 1930 wurde der Friedhof noch einmal auf seine heutige Größe von über 1,6 Hektar erweitert.

Friedhof HP2

Foto: Gerd Brander

Vor allem die alten Grabsteine sind oben meist abgerundet, man sieht Steine mit einem Bogen, mit zwei, auch solche mit drei Bögen. Eine Erinnerung an die Gesetzestafeln, die Moses vom Berg Sinai empfangen hat. Da den Juden die Ausübung eines Handwerks verboten war wurden sie durch ortsansässige christliche Steinmetze gefertigt. Der weiche rote Sandstein hat viele von den ganz alten Inschriften längst wieder hergegeben. Sie sind durch die Witterung der Jahrhunderte unleserlich geworden – ein unersetzlicher Verlust.

Verlässt man den alten Bereich, so kann man an den jüngeren Grabsteinen gut erkennen, wie sich die Stellung der Juden in der Gesellschaft verändert hat. Jetzt fühlten sie sich mehr und mehr als Teil der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Man sieht große, aufrecht stehende Steine aus unterschiedlichen Steinarten, viele mit gleichzeitig deutscher und hebräischer Inschrift, reich verziert mit Ornamenten und Symbolen.

Ein Friedhof ist der Ort des ewigen Lebens und der ewigen Ruhe. Dass das auch in Laudenbach nicht immer der Fall war, berichten die vielen Zerstörungen und Schändungen – auch heute noch werden manchmal Steine umgeworfen. Georg Schnabel, der hier regelmäßige Führungen macht, pflegt den Friedhof seit 30 Jahren mit liebevoller Geduld und fachlicher Behutsamkeit. Auch die Spuren von Zerstörungen versucht er immer wieder zu beseitigen.

Über 3500 Menschen sollen hier liegen, 2326 Steine sind noch sichtbar. Einige Symbole auf den Steinen erzählen von der Herkunft des Verstorbenen – die segnenden Hände verweisen auf einen Kohanim, auf eine priesterliche Abstammung, eine Kanne zeigt auf einen Leviten. Andere Symbole berichten aus dem Leben des Verstorbenen. Das Schofarhorn berichtet davon, dass der Verstorbene die ehrenvolle Aufgabe ausübte, in der Synagoge das Widderhorn zu blasen. Ein aufgeschlagenes Buch spricht von der Gelehrsamkeit des Toten, eine abgeknickte Rose von einem allzu frühen Tod.

Friedhof HP3

Foto: Gerd Brander

Der jüdische Friedhof in Laudenbach hatte ein sehr großes Einzugsgebiet zwischen Marktheidenfeld und Arnstein, zwischen Gemünden und Veitshöchheim.

Entsprechend weit waren die Wege nach Laudenbach. Die Verstorbenen wurden auch im Winter bei Schnee und Eis, in der Regel von 8 jungen Männern auf einer Bahre zu Fuß getragen werden. Da die Verstorbenen im Judentum innerhalb von 24 Stunden begraben werden mussten, war stets Eile geboten. In Laudenbach gab es eine Beerdigungsbruderschaft (Chewra Kadisha), die sich um alle Angelegenheiten bei der Begleitung des Verstorbenen und seiner Angehörigen kümmerte. Nach dem oftmals langen Transport aus seinem Heimatort wurde der Leichnam zunächst in den Tahara-Raum der Synagoge gebracht, der durch einen separaten Eingang auf der Mainseite betreten werden konnte. Dort wurde der Körper mit Güssen von „lebendigem Wasser“  unter Segenssprüchen rituell gereinigt. Erst danach konnte der letzte Gang angetreten werden: durch das Dorf, die Rathausgasse hinauf, an der mittelalterlichen Wertheimer Burg vorbei auf den Schlossberg.

Die Dokumentation der Grabsteine

Die hebräischen Inschriften auf den Steinen sind kulturhistorisch überaus wertvolle Dokumente jüdischen Lebens. Sie erzählen Geschichten über Familie, Beruf und Wirken des Verstorbenen, über seine Herkunft, Geburt und Tod. Es sind einzigartige Lebensgeschichten von Menschen, die hier ansässig waren und Teil unserer Kultur geworden sind. Wer den jüdischen Friedhof in Laudenbach kennt, der weiß, dass der rote Buntsandstein dieses in Stein gehauene Archiv nicht konservieren kann. Wasser dringt in das poröse Material, der Frost sprengt Jahr um Jahr ganze Platten heraus und zerstört die zum Teil uralten steinernen Dokumente.

Die Grabsteine können langfristig nicht gerettet werden, umso drängender ist es, eine Dokumentation des Laudenbacher jüdischen Friedhofs zu erstellen. Im letzten Jahr konnten wir durch die Vermittlung von Frau Prof. Dr. Mona Hess von der Universität Bamberg Herrn Andreas Maul gewinnen, der im Rahmen seiner Bachelorarbeit eine zentimetergenaue Geländekarte des Friedhofs erstellt hat. Erstmals war es nun möglich, jedem Stein eine eigene Nummer zu geben, damit man auch die sehr alten Grabstellen sicher erkennen und wiederfinden kann. Im Oktober 2020 begann die fotografische Dokumentation aller Steine des Friedhofs. Das auf zwei Jahre angelegte Projekt wird ehrenamtlich durch Mitarbeiter des Förderkreises „ehemalige Synagoge Laudenbach e.V.“ und weitere Ehrenamtliche durchgeführt. Mit Frau Susanne Klemm vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Frau Dr. Rotraud Ries vom Johanna Stahl-Zentrum in Würzburg, sowie Frau Prof. Dr. Talabardon und Frau Dr. Rebekka Denz von der Professur für Judaistik in Bamberg stehen uns vier erfahrene Fachfrauen zur Verfügung, die das Projekt der Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Laudenbach begleiten und unterstützen.  Das Landesamt für Denkmalpflege sponserte eine professionelle Fotoausrüstung. Das Team fotografiert und dokumentiert derzeit alle 2326 Steine um sie zu sichern und zu einer späteren Zeit durch Fachleute lesen und auswerten zu können. Nur so kann dieses wertvolle Archiv für uns und kommende Generationen erhalten werden.
_________________________

Führungen durch den Friedhof finden jeden 2. Sonntag im Monat von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr oder nach Vereinbarung statt.
Ansprechpartner: Georg Schnabel, 97753 Mühlbach, Laudenbacher Straße 1, Telefon: 09353/8638

Ansprechpartner für die Dokumentation der Steine: Georg Schirmer, 97753 Karlstadt-Laudenbach, Heldstraße 47, Telefon 09353/1509

  • (1): Scherg 2000: Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis, S. 26
  • (2): Müller, Karlheinz: Bildungsrang und Spiritualität der Würzburger Juden. In: Unterfränkische Geschichte 2, 1992, S. 374 – 401, hier S. 393
  • (3): Staatsarchiv Würzburg Admin 416 / 8318
  • (4): Staatsarchiv Würzburg Reg. von Ufr. 7121 KAR